(Aktualisiert am ) Verkaufen auf Amazon

Sollte ich Amazon Vendor Central beitreten?

Alex Borisenko-Markovich8 Min. Lesezeit
Vergleich zwischen Vendor Central und Seller Central

Amazon Vendor Central wirkt oft wie eine Trophäe: die Chance, Amazon als Großhändler zu beliefern, statt jede Bestellung mühsam selbst zu verkaufen. Doch eine Einladung begründet schlicht ein anderes Geschäftsverhältnis, keine Beförderung zu einem besseren Kontomodell.

Die entscheidende Frage ist, ob diese Beziehung zu Ihren Produkten, operativen Abläufen und Ihrer Liquidität passt. Gehen wir die Unterschiede, Vorteile und die leicht übersehenen Kosten durch. Die Beispiele beziehen sich auf den US-Marktplatz und US-Dollar; maßgeblich sind jedoch Ihr Marktplatz, die Bestellungen (Purchase Orders) und die von Ihnen unterzeichneten Verträge.

Wie unterscheidet sich Vendor Central von Seller Central?

Über Vendor Central beliefern Sie Amazon mit Waren, und Amazon verkauft diese als Einzelhändler an die Endkunden weiter. Das ist die sogenannte First-Party- oder 1P-Beziehung. Bei Seller Central listen und verkaufen Sie Ihre eigenen Produkte als Drittanbieter (3P) direkt an die Käufer. Amazons Seller Central-Übersicht bestätigt diese Trennung und hält fest, dass Vendor Central nur auf Einladung zugänglich ist.

Im hier besprochenen Beschaffungsmodell erteilt Amazon Bestellungen (Purchase Orders) und Sie liefern die vereinbarten Waren. Den eigentlichen Einzelhandelsverkauf übernimmt Amazon. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Sie Produktdaten, Richtlinienkonformität, Nachschub oder Pflichten aus dem Liefervertrag vernachlässigen können.

EntscheidungskriteriumSeller CentralVendor Central Beschaffungsmodell
Wer kauft bei Ihnen?Der Endkunde, der Ihr Verkäuferangebot bestelltAmazon, als Ihr Großhandelskunde
Wer legt den Angebotspreis fest?Sie bestimmen Ihren Verkäuferpreis selbstAmazon legt den Endverbraucherpreis fest; Großhandelskonditionen prüfen Sie separat
Was löst den Versand aus?Eine Kundenbestellung auf Ihr AngebotEine Amazon-Bestellung (Purchase Order), die Sie prüfen und bestätigen
Was sollten Sie kalkulieren?Einzelhandelserlöse abzüglich Verkaufs-, Versand-, Werbe- und sonstiger KostenGroßhandelseinnahmen abzüglich vereinbarter Abzüge, Beschaffungs- und Betriebskosten

Amazons offizieller Vergleich beider Modelle erläutert die unterschiedlichen Preis- und Einzelhandelsverantwortungen. Vergleichen Sie unterm Strich die Nettoergebnisse, statt Endkunden- und Einkaufspreis gleichzusetzen.

Wie unterscheidet sich Vendor Central von FBA?

Verkäufer verwechseln Vendor Central und Versand durch Amazon (FBA) mitunter, weil die Ware in beiden Fällen im Logistiknetzwerk von Amazon landet. Sie lösen jedoch völlig unterschiedliche Aufgaben.

Vendor Central beschreibt ein Lieferverhältnis mit Amazon. FBA ist eine Versanddienstleistung: Sie bleiben Verkäufer, während Amazon Ihre Ware einlagert, kommissioniert, verpackt, versendet und den Kundenservice samt Retouren übernimmt. Produktmanagement, Preisgestaltung, Disposition und Betriebskosten liegen weiterhin bei Ihnen.

Prüfen Sie zudem, über welches Vendor-Programm gesprochen wird. In Amazons Terminologie senden Beschaffungs-Vendors Waren an Amazon; Direct Fulfillment-Vendors versenden Kundenbestellungen im Namen von Amazon direkt ab eigenem Lager. „Vendor“ bedeutet also nicht automatisch, dass Amazon jede Einheit lagert und verschickt. Ebensowenig garantiert die Kontobezeichnung allein ein bestimmtes Prime-Badge oder Lieferversprechen.

Die Vorteile von Vendor Central

Amazon bestellt direkt bei Ihnen

Ein Einkaufsauftrag (Purchase Order) liefert eine verlässliche Planungsgrundlage: angeforderte Artikel, Mengen und Liefertermine. Amazons Dokumentation zu Vendor-Bestellungen beschreibt Eingang, Annahme, Ablehnung sowie Änderungen und Stornierungen von Aufträgen.

Das passt gut zu eingespielten Großhandelsstrukturen. Es nimmt Ihnen jedoch nicht die Absatzplanung ab und garantiert keine Folgebestellung. Unterscheiden Sie strikt zwischen Prognosen und verbindlichen Aufträgen, und planen Sie Szenarien für Auftragsänderungen ein.

Prüfen Sie für Schnittstellen die Optionen Ihres Vendor-Kontos, inklusive EDI-Dokumentation und unterstützter APIs. Auch ein vorhandenes EDI-System erfordert eine sauber konfigurierte Amazon-Verbindung; es funktioniert nicht per einfachem Knopfdruck.

Größere Bestellmengen passen zu Großhandelsabläufen

Falls Ihre Vereinbarung Palettenlieferungen oder Großchargen vorsieht, vergleichen Sie die Anforderungen an Konfektionierung und Fracht mit Ihren aktuellen Abläufen. Hohe Volumina sind erfreulich, sagen allein aber wenig über den Gewinn aus. Rechnen Sie Nettoertrag, Lieferkosten und Zahlungsziel durch, bevor Sie den Umsatz bejubeln.

Vorteile bei der Pflege von Inhalten

Hier gibt es einen spürbaren, aber feineren Vorteil als die oft gehörte Behauptung „Vendors kontrollieren das Listing“. Amazons aktuelle US-Richtlinie für A+ Content besagt, dass Vendor-Inhalte im Bereich „Vom Hersteller“ in der Regel Vorrang vor A+ Inhalten von Verkäufern auf derselben ASIN haben.

Das betrifft jedoch gezielt die Platzierung von A+ Content. Es bedeutet weder die alleinige Kontrolle über jedes Attribut der Produktdetailseite noch eine Garantie, dass jeder Änderungswunsch akzeptiert wird. Kontrollieren Sie nach der Veröffentlichung die Live-Seite. Für Hintergründe lesen Sie, warum Listing-Änderungen nicht immer direkt auf der Produktdetailseite erscheinen.

A+ Content und Brand Stores

Diese Tools helfen, Produkte zu erklären und die eigene Markenwelt darzustellen. Prüfen Sie den Content-Manager und Ihre Kontoberechtigungen für die gewünschten ASINs; gehen Sie nicht davon aus, dass eine Vendor-Einladung automatisch jede Premium-A+-Funktion freischaltet.

Brand Stores stehen Vendors, Agenturen und in der Markenregistrierung erfassten Verkäufern offen. Die Erstellung und Pflege eines Stores ist kostenlos und erfordert keine zwingenden Werbebuchungen. Auch berechtigte Seller können Marken-Tools voll nutzen; Vendor Central ist keineswegs der einzige Weg.

Die Buy Box bleibt ein operativer Faktor

Kalkulieren Sie keinesfalls mit einem automatischen Gewinn der Buy Box. Das hervorgehobene Angebot (Featured Offer) ist das zentrale Kauffeld auf der Detailseite. Amazons aktuelle Übersicht nennt wettbewerbsfähige Preise, schnelle Lieferung, Kundenzufriedenheit und Lieferfähigkeit als Faktoren. Das sind operative Leistungen, kein automatisches Geschenk der Vendor-Einladung.

Die Schattenseiten von Vendor Central

Prüfen Sie die tatsächlich verfügbaren Berichte

Lassen Sie sich vor Vertragsabschluss genau zeigen, welche Berichte und Datenzugänge enthalten sind. Planen Sie nicht auf Basis veralteter Feature-Listen von ARA Basic oder ARA Premium.

Amazon dokumentiert heute Berichte zu Vendor-Umsätzen, Lagerbestand, Traffic, Absatzprognosen und der Nettoproduktmarge (Net PPM) sowie separate Brand-Analytics-Auswertungen. Die aktuellen Amazon-Berichtsdefinitionen unterscheiden klar zwischen Vendor- und Seller-Daten. Die Verfügbarkeit hängt vom Bericht, den Kontorechten und dem Store ab.

Ein häufiges Missverständnis: Die Kennzahl Net PPM beschreibt Amazons Nettoproduktmarge aus dem Weiterverkauf Ihrer Artikel. Es ist weder Ihre Herstellermarge noch Ihr eigener Gewinn. Ermitteln Sie Ihre eigenen Einstandspreise und Abzüge in einer separaten Rechnung.

Amazon bestimmt den Verkaufspreis an Endkunden

Ihr Einkaufspreis für Amazon und der Endpreis für Käufer sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Bewerten Sie die Vergütung, die Amazon Ihnen laut Vertrag zahlt, anstatt zu glauben, Sie könnten Amazons Endkundenpreis vorschreiben.

Falls Preisbindungen (MAP) oder selektive Vertriebsvereinbarungen für Sie essenziell sind, prüfen Sie den Vertragstext und lassen Sie sich juristisch beraten. Verlassen Sie sich nicht auf Online-Artikel in der Hoffnung, Preisauflagen ließen sich gegenüber Amazon problemlos durchsetzen.

Nachlässe, Abzüge und Zahlungsziele

Kalkulieren Sie Ihr Modell anhand der realen Konditionen. Berücksichtigen Sie Marketing- oder Co-op-Zuschüsse, Frachtkostenvereinbarungen, Schadens- und Retourenpauschalen, Skonti und operative Ausgleichszahlungen (Chargebacks). Klären Sie, wie Posten berechnet werden, wann der Abzug erfolgt und wie Sie fehlerhaften Belastungen widersprechen können.

Betrachten Sie Zahlungsziele, Auslöser der Zahlungsfristen, Rückgaberechte und Versandanforderungen im Zusammenhang. Eine rechnerisch lukrative Rechnung nutzt wenig, wenn lange Zahlungsziele Ihre Liquidität abwürgen.

Es gibt keinen pauschalen Vendor-Abzugssatz, den man hier einsetzen könnte. Ebenso wenig sind Margen im Seller Central in Stein gemeißelt: Ziehen Sie die aktuellen Verkaufs- und FBA-Gebühren sowie Ihre realen Werbe-, Retouren- und Herstellkosten für den Vergleich heran.

Werbeaktionen erfordern eine eigene Kalkulation

Ein einfaches Beispiel zur Verdeutlichung: Angenommen, Ihr vereinbarter Einkaufspreis liegt bei 10 USD pro Einheit und Sie beteiligen sich an einer Aktion mit 5 USD je Aktionsartikel. Dann verbleiben 5 USD vor Wareneinsatz und weiteren Abzügen. Der ursprüngliche Einkaufspreis wird dadurch nicht nachträglich auf 5 USD gesenkt.

Das ist eine Beispielrechnung, keine Gebührenordnung. Prüfen Sie Aktionsvereinbarungen, berechtigte Stückzahlen, Abrechnungswege und Zusatzgebühren vor der Freigabe. Eine Aktion, die den Absatz ankurbelt, kann unter dem Strich trotzdem Verlust bedeuten.

Wie Seller Central und Vendor Central zusammenarbeiten können

Beide Kontenmodelle können nebeneinander existieren. Amazons Registrierungsleitfaden für Seller Central beschreibt sogar die Synchronisierung mit einem bestehenden Vendor Central-Login. Ob der Vertrieb desselben Produkts über beide Kanäle sinnvoll ist, hängt von Ihren Verträgen und Berechtigungen ab.

Preisgestaltung beachten

Kalkulieren Sie die Rentabilität für jede ASIN und jeden Vertriebsweg separat. Vergleichen Sie Großhandelserlöse mit dem Nettoertrag Ihres selbst kalkulierten Verkäuferangebots – inklusive Versand, Werbung und Retouren. Berücksichtigen Sie Warenverfügbarkeit, Fertigungskapazitäten und Betriebsmittel.

Nutzen Sie nicht die Faustregel „Verkäuferpreis anheben, damit Amazon mehr bestellt“. Das unterstellt automatisierte Einkaufsreaktionen, auf die kein Verlass ist. Gehen Sie davon aus, was jeder Kanal unterm Strich einbringt und was Sie zuverlässig liefern können – weniger spektakulär, aber deutlich solider.

Werbemaßnahmen abstimmen

Amazon Ads steht Sellern und Vendors gleichermaßen offen, wobei Voraussetzungen je nach Produkt und Marktplatz variieren. Nutzen Sie die aktuellen Begrifflichkeiten aus der Amazon Ads FAQ, wie Sponsored Products und Sponsored Brands, statt veralteter Bezeichnungen.

Wenn identische Produkte in zwei Werbekonten beworben werden, legen Sie eine Gesamtverantwortung für Budget und Auswertung fest. Stimmen Sie Konten, ASINs, Marktplätze, Währungen und Zeiträume exakt aufeinander ab. Das Alter einer Kampagne ist kein Argument für weitere Werbeausgaben.

Für eine gemeinsame Übersicht importiert der Vendor Central-Connector von Hopted Vendor-Daten planmäßig nach Google Sheets. Die Übersicht der Vendor-Berichte umfasst Umsatz, Bestand, Traffic, Prognosen, Net PPM und Bestellungen. Halten Sie Großhandelsaufträge, Endkunden-Abverkäufe von Amazon und eigene Seller-Bestellungen bei der Auswertung sauber getrennt. Ein Datenimport erleichtert die Analyse; er bestätigt jedoch keine Bestellungen und verhandelt keine Konditionen.

Kann ich meine Eigenmarke über Vendor Central verkaufen?

Markeninhaber zu sein begründet keinen Anspruch auf eine Vendor-Einladung. Vendor Central bleibt ein geschlossenes Programm. Weder Markenregistrierung noch starke Verkaufszahlen oder Agenturversprechen ersetzen die offizielle Einladung durch Amazon.

Wenn Amazon auf Sie zukommt, verifizieren Sie die Anfrage über offizielle Kanäle und prüfen Sie das Angebot sachlich. Klären Sie Produkte, Länder, Lieferprogramm und operative Zuständigkeiten. Bauen Sie keine Planungen auf vermuteten Einladungen oder Spekulationen über interne Algorithmen auf.

Jetzt sind Sie am Zug

Vendor Central eignet sich für Hersteller und Distributoren, die einen Großkunden beliefern wollen und die nötigen Prozesse dafür haben. Seller Central passt zu Unternehmen, die ihr Endkundengeschäft selbst steuern möchten. Keine der Bezeichnungen entscheidet per se über die Rentabilität.

Legen Sie die angebotenen Konditionen neben Ihre bisherigen Erträge. Prüfen Sie Nettoerlöse, Zahlungsfristen, Logistikaufwand, Content-Rechte und Datenzugriff. Treffen Sie die Entscheidung notfalls produktweise und überprüfen Sie sie regelmäßig bei veränderten Rahmenbedingungen.

Adaptiert nach einem ursprünglich auf Bindwise veröffentlichten Artikel; für Hopted durch Alex Borisenko-Markovich und die Hopted-Redaktion überarbeitet und aktualisiert.